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Kategorie: Netzleitstelle

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Neue Systemwarte für Berlins Wärmeversorgung: Der Weg vom Heizer zum Operator der Zukunft

Wie verändert man ein Berufsbild, das jahrzehntelang von Erfahrung, körperlicher Arbeit und Routine geprägt war? Und wie begeistert man ein Team für eine neue digitale Leitwarte, die plötzlich nicht mehr nur „warm machen“ soll, sondern optimieren, analysieren und vorausschauend steuern? Genau diese Fragen stehen im Mittelpunkt eines Projekts, das in Berlin Maßstäbe setzt: Mit der neuen Systemwarte hat die Fernheizwerk Neukölln AG (FHW) nicht nur ihre Steuerzentrale modernisiert, sondern ein neues Kapitel in der Geschichte der Wärmeversorgung aufgeschlagen – mit Unterstützung der JST Kontrollraumexperten.

„Die Systemwarte ist heute das Herz unseres Unternehmens“, sagt Projektleiter und Teamleiter Technische Systeme Jörn Köhler. „Hier laufen Fernwärmenetz, Stromerzeugung und unsere gesamte Anlagenwelt zusammen. Wir denken nicht mehr in einzelnen Bereichen – wir denken in Systemen.“

„Hauptsache warm“ reicht heute nicht mehr

Die Ausgangslage war dabei so typisch wie herausfordernd: Die alte Leitwarte bestand in Teilen noch aus Komponenten der 1970er Jahre – teils analog, mit mechanischen Anzeigeleuchten und klassischen Bedienknöpfen. „So haben wir begonnen, den Standort Neukölln zu automatisieren“, erinnert sich Köhler. „Wenn man die Vorher-nachher-Bilder sieht, erkennt man sofort, das war dringend notwendig.“

Schnell war klar: Der Umbau würde nicht nur eine technische Modernisierung sein. Er steht auch für einen Wandel im Denken. Denn das Fernheizwerk steckt mitten in der Transformation. Seit dem Kohleausstieg 2024 wächst der Druck, Wärme nicht nur sicher, sondern auch wirtschaftlich und klimafreundlich zu erzeugen. „Früher war das Ziel: Hauptsache, es wird warm beim Kunden“, so Köhler. „Heute ist der Operator gefragt, die Optimierung der Versorgung aktiv zu unterstützen. Das ist eine völlig neue Rolle.“

Alles aus einer Hand – statt Flickenteppich

Während des Planungsprozesses zur neuen Systemwarte entschied sich FHW bewusst für einen Partner, der nicht nur Software liefert, sondern den Kontrollraum als Gesamtkonzept versteht. „Wir wollten keinen Flickenteppich aus Einzelkomponenten“, erklärt der Projektleiter. „Wir wollten ein rundes System aus Visualisierung, KVM-Technik, Hardware und ergonomischer Umgebung. Diese Kombination hat uns bei JST sofort überzeugt.“

Wenn aus der Idee tatsächlich Praxis wird

Die Entscheidung für die neue Systemwarte fiel nicht am Schreibtisch, sondern in einem Raum, der den Unterschied zwischen Theorie und Praxis unmittelbar erlebbar macht: im JST Kontrollraum-Simulator. „Eigentlich wollte ich nur das Praxisbuch bestellen“, erzählt Jörn Köhler mit einem Lächeln. „Aber aus einem Telefonat wurde eine Einladung zu Jungmann – der Rest ist Geschichte.“

Gemeinsam mit Kollegen aus dem Operator-Team erkannte er im Kontrollraum-Setup, was moderne Leitstellentechnik heute leisten kann: ergonomische Arbeitsplätze, intuitive Bedienoberflächen und vor allem die Möglichkeiten einer IP-basierten KVM-Architektur (KVM = Keyboard, Video, Mouse). „Wir wussten schon, dass wir KVM einsetzen wollen“, so Köhler. „Aber die netzwerkbasierte Variante, die wir im Simulator kennengelernt haben, hat uns völlig neue Optionen eröffnet. Weniger Kabel, flexible Zusammenschaltungen – da war sehr schnell klar: Das wird es.“

Der Workshop wurde zum entscheidenden Baustein für das spätere Gesamtkonzept: Ein Leitstand, in dem sich Technik, Möbel, Visualisierung und Bedienkomfort zu einer integrierten Lösung verbinden. „Wir wollten nicht einzelne Produkte einkaufen“, sagt Köhler. „Wir wollten ein komplettes System. Und genau das haben wir bei JST gefunden.“

Akzeptanz entsteht nicht auf Knopfdruck

Doch bei aller Technik bleibt die wichtigste Herausforderung, die Menschen mitzunehmen. „Wir haben die Kollegen früh gefragt: Was wünscht ihr euch?“, erzählt Nicola Kleppmann, Leitung Digitalisierung und Steuerung technischer Systeme. „Die Antwort war oft: Am liebsten soll alles so bleiben wie früher. Vielleicht ein bisschen größer, neue Stühle, bessere Kaffeemaschine.“ Ein nachvollziehbarer Reflex – denn der Weg vom klassischen Heizer hin zum Operator der Zukunft ist ein gewaltiger Schritt.

Impulse aus dem Team haben Gewicht

Um diesen Wandel zu begleiten, führte FHW den sogenannten „Schnupperbetrieb“ ein. Operator arbeiten schichtweise in der neuen Warte, begleitet durch Schulung und direkte Betreuung. „Wir geben den Kollegen die Möglichkeit, altes und neues System parallel zu sehen“, so Kleppmann. „Links neu, rechts alt – und man erkennt sofort: Die Änderung passiert in beiden Welten. Das nimmt die Hemmschwelle.“ Gleichzeitig entstehen wertvolle Impulse aus dem Team: „Die Anwender sehen oft als Erste, was man noch besser machen kann. Diese Ideen treiben die Weiterentwicklung enorm voran.“

Eine Leitwarte für die Zukunft der Fernwärme

Heute ist die neue Systemwarte nicht nur ein Symbol für Digitalisierung, sondern auch für die Zukunftsfähigkeit des Berufs. „Warum zehn oder zwanzig Bildschirme installieren, wenn wir uns die Ansichten flexibel auf einen Screen legen und dort sogar direkt bedienen können? Das wird von den Mitarbeitern sehr gut angenommen. Das Handling über die myGUI® ist eine Errungenschaft, die ich jedem Leitstand der Welt wünschen würde“, sagt Jörn Köhler. „Eine Maus, eine Tastatur, alles im Griff – das reduziert Stress und überzeugt selbst Skeptiker.“

So wird der Operator-Beruf zukunftsfähig

Auch über das Morgen und weitere Schritte denkt man in Berlin bereits nach. Themen wie BOSB – Betrieb ohne ständige Beaufsichtigung – zeigen, wie sich Leitwarten in den kommenden Jahren entwickeln könnten. Für FHW ist klar: Der Wandel ist nicht abgeschlossen. Aber die Basis ist geschaffen. „Ohne die Unterstützung der Mitarbeiter bringt mir der beste Leitstand nichts“, betont Köhler. „Unser Ziel ist es, den Operator-Beruf attraktiv und zukunftsfähig zu machen. Die neue Systemwarte ist dafür ein entscheidender Schritt.“

Berliner Wärmewende im Kiez – Fernwärme für 60.000 Kunden

Die Fernheizwerk Neukölln AG versorgt rund 60.000 Haushalte und Betriebe in Neukölln und Kreuzberg mit Wärme und Warmwasser. Das Fernwärmenetz umfasst heute etwa 130 Kilometer – Tendenz steigend.

Mit Investitionen von rund 70 Millionen Euro hatte sich das Unternehmen den frühzeitigen Ausstieg aus der Steinkohle in 2025 auf die Fahnen geschrieben. Mit diesem Schritt werden jährlich 25.000 Tonnen CO2 eingespart – und das fünf Jahre früher als gesetzlich gefordert.

Die neue volldigitale Systemwarte übernimmt dabei eine Schlüsselrolle und dient gleichzeitig als Cockpit des Fernwärmenetzes. Mit intelligentem Monitoring und KI-gestützten Tools steuert sie das Netz vorausschauend, integriert neue Technologien und schafft die Grundlage für eine klimaneutrale Wärmeversorgung bis 2045.

Systemwarte Fernheizwerk Neukölln AG (FHW) vor und nach dem Umbau

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